Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien, Landesvorsitzende der CDU Berlin |
 




   
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27.10.2016
Vortrag im ökumenischen Gedenkzentrum Plötzensee

Am Donnerstag, 27. Oktober 2016, sprach Monika Grütters zum Thema „Erinnerungskultur – Verantwortung für die Zukunft“ in der evangelischen Gedenkkirche Plötzensee. Diesem Abend war eine Einladung von Schwester Mirjam Fuchs aus dem Nachbarkloster Karmel Regina Martyrium vorausgegangen. Die Rede der Abgeordneten wird im Folgenden dokumentiert:

Anrede,

Vor einigen Monaten hat die dänische Schriftstellerin Janne Teller in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen bemerkenswerten Essay mit dem Titel "Wie das deutsche Schuldgefühl die europäische Ehre rettet" veröffentlicht. Man könne, so beginnt sie ihre Überlegungen, man könne versucht sein, mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Frage zu stellen, wozu denn das fortgesetzte Bekenntnis zu Schuld, Sühne und Aufarbeitung gut sei. Die Antwort auf diese Frage habe die Flüchtlingskrise gegeben, schreibt Teller. Ich zitiere: "Die steigenden Zahlen der in den letzten Jahren nach Europa gekommenen Flüchtlinge haben schrittweise das wahre Maß an Menschlichkeit in Diskurs, Politik und Tun der verschiedenen europäischen Länder enthüllt." Deutschland liege hier - auch wenn nicht alles perfekt sei - weit an der Spitze.



Monika Grütters mit der Gastgeberin Schwester Mirjam (rechts) und Superintendent Carsten Bolz.

Einen maßgeblichen Grund für die Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen und sich um eine gemeinsame europäische Lösung zu bemühen, vermutet Teller in den deutschen Lehren aus dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg. Ich zitiere noch einmal: "Die vielleicht wichtigste Lehre liegt im kostbaren Wissen um den Schaden, den man sich selbst und den eigenen Nachkommen zufügt (…), wenn man die Anderen missbraucht, erniedrigt, verletzt oder tötet - aktiv aus eigener Entscheidung oder indem man ihnen die Menschenrechte und die elementaren Mittel für ein würdiges Überleben verweigert. Die Lektion, welche die Deutschen gelernt haben, lautet: Darüber kommt man nicht hinweg. Darüber kommt man niemals hinweg."

Ja, meine Damen und Herren, darüber können und dürfen wir niemals hinweg kommen. Die Erinnerung an den systematischen Völkermord an den europäischen Juden als Menschheitsverbrechen bisher nicht gekannten Ausmaßes, an die Schrecken und Gräuel, die unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in deutschem Namen geschehen sind - diese Erinnerung bleibt für uns Deutsche eine immerwährende Verantwortung und Verpflichtung.

In den vergangenen sieben Jahrzehnten, die seit der Befreiung von Auschwitz vergangen sind, haben Holocaust-Überlebende um Worte gerungen und Worte gefunden für Erfahrungen, die alle normalen Maßstäbe des Denk- und Vorstellbaren sprengen - so wie beispielsweise der in diesem Jahr verstorbene Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz. Ihre Worte haben dazu beigetragen, hinter der schrecklich nüchternen Bilanz des millionenfachen Mordes den einzelnen Menschen sichtbar zu machen: Menschen, denen die Nationalsozialisten alles genommen haben bis auf ihr Leben; Menschen, die Eltern, Kinder und Geschwister verloren haben; Menschen, die ihrer Heimat, ihrer Zukunftsträume, ihrer Lebensfreude, ihrer Würde beraubt wurden; Menschen, die an dem Leid, das man ihnen zugefügt hat, seelisch zerbrochen sind.

Je weniger Holocaust-Überlebende es gibt, die uns ihre Geschichte erzählen können, desto schwieriger wird die Annäherung an das Unfassbare, und desto wichtiger werden die authentischen Gedenkorte, um deren Erhalt sich Bund und Länder in Deutschland gemeinsam kümmern. Dazu gehört das ehemalige Strafgefängnis - heute Gedenkstätte - Plötzensee, in dem zwischen 1933 und 1945 fast 3.000 Menschen ihr Leben lassen mussten. Innerhalb dieser Mauern, die zwölf Jahre lang stumme Zeugen des Leidens und des Mordens waren, ergreift, ja überwältigt einen förmlich der tiefe Respekt für den unbeugsamen Willen zum Widerstand, der vielfach am Galgen oder unter dem Fallbeil endete.

Auch die ehemaligen Konzentrationslager wollen wir als Lernorte erhalten. Wir wollen, dass künftige Generationen sich Konzentrationslager nicht als unwirkliche Hölle vorstellen, die mit dem Leben, das sie kennen, nichts zu tun hat. Wir wollen - was ja als Warnung noch viel eindringlicher ist! -, dass man die Konzentrationslager kennen lernt als Orte des Alltags, die sie eben auch waren: Orte, an denen Menschen, die zu unvorstellbarer Grausamkeit fähig waren, Mozart hörten, Briefe an ihre Familie schrieben und ihren Interessen nachgingen.

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